Ein paar Tier-1-Provider, eine Handvoll Cloud-Anbieter, kommerzielle DNS-Server — und unter all dem eine physische Infrastruktur, die von Regierungen oder Unternehmen jederzeit gestört werden kann. Naturkatastrophen, Zensur, Netzabschaltungen bei Protesten oder schlicht ein durchtrennter Seekabel-Strang zeigen regelmäßig, wie fragil das Konstrukt ist.
Eine wachsende Zahl von Projekten versucht, Alternativen aufzubauen. Sie unterscheiden sich erheblich in Anspruch und Umsetzung: Manche sind App-artige Lösungen für ein konkretes Problem, andere wollen einen kompletten Netzwerk-Stack neu denken.
LoRa-basierte Funkmesh-Netze
01 / 06LoRa (Long Range) ist eine Funktechnologie für niedrige Datenraten über große Distanzen. Mit kostengünstiger Hardware ab etwa 30 Euro lassen sich Reichweiten von mehreren Kilometern erreichen — ohne Lizenzpflicht, da das ISM-Band (in Europa 868 MHz) genutzt wird.
Das bekannteste Projekt. Läuft auf ESP32- und nRF52-basierten Entwicklerboards wie dem LILYGO T-Beam oder Heltec-Modulen und bietet Text-Messaging sowie Positionsdaten. Strukturelles Problem: Das Routing basiert auf „managed flooding" und skaliert bei vielen Knoten schlecht. Siehe unseren Meshtastic-Artikel.
Die Antwort auf Meshtastics Schwächen. Vergleichbare Hardware, aber deterministisches Routing statt Flooding. Repeater und Room-Server sind explizit vorgesehene Konzepte. Näher am klassischen Funkamateur-Use-Case mit gezielter Adressierung und Verschlüsselung. Noch weniger ausgereift als Meshtastic, technisch aber sauberer designt.
Disaster Radio verfolgte einen ähnlichen Ansatz speziell für Katastrophenkommunikation, ist inzwischen weitgehend eingeschlafen. Im Amateurfunkbereich existieren mit APRS ein etabliertes Protokoll für Positions- und Textnachrichten über VHF/UHF und mit NPR (New Packet Radio) ein moderneres Hochgeschwindigkeits-Protokoll im 70-cm-Band — beide setzen allerdings eine Amateurfunklizenz voraus.
Smartphone-Mesh über Bluetooth & WiFi
02 / 06Eine zweite Kategorie nutzt die Funkschnittstellen, die ohnehin in jedem Smartphone stecken. Reichweite und Datenrate sind anders gelagert: kurze Distanzen, aber höhere Bandbreite und keine zusätzliche Hardware.
FOSS · auditiert · Tor + Bluetooth + WiFi
Vielleicht das interessanteste Projekt für sicherheitsbewusste Nutzer. Die Android-App verschlüsselt Nachrichten Ende-zu-Ende und überträgt sie wahlweise über Tor, Bluetooth oder lokales WiFi. Server gibt es nicht. Kontakte werden persönlich ausgetauscht, was bewusst eine höhere Hürde darstellt, dafür aber Identitätsdiebstahl praktisch ausschließt. Mehrfach unabhängig auditiert.
Weniger ausgereift / spezialisiert
Berty ist konzeptionell ähnlich, basiert auf libp2p, weniger verbreitet. Bridgefy wurde durch die Hong-Kong-Proteste 2019 bekannt, ist proprietär und in der Vergangenheit durch Sicherheitsprobleme aufgefallen — für ernsthafte Anwendung nicht zu empfehlen. Meshenger ermöglicht direkte Sprachanrufe über lokales WiFi ohne Server — ein Nischen-Tool für spezielle Szenarien.
Vollwertige Netzwerk-Stacks
03 / 06Die ambitionierteste Kategorie versucht nicht, einzelne Anwendungen zu bauen, sondern komplette Netzwerk-Stacks — Alternativen zu TCP/IP, auf denen sich dann beliebige Anwendungen aufsetzen lassen.
Besonders bemerkenswert. Transport-agnostisch — läuft über jeden verfügbaren Übertragungsweg: LoRa, Packet Radio, WiFi, serielle Verbindungen, sogar als Tunnel durch das normale Internet. Jeder Knoten besitzt eine kryptografische Identität, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist im Protokoll verankert, Routing organisiert sich selbst. Anwendungen wie Nomad Network, Sideband und LXMF setzen darauf auf. Eigener Reticulum-Artikel.
Anderes Modell: spannt ein End-to-End-verschlüsseltes IPv6-Overlay über beliebige IP-fähige Medien. Knoten finden sich automatisch, das Netz organisiert sich selbst, und jede Anwendung, die mit IPv6 umgehen kann, funktioniert darüber. Ausgereift, gut dokumentiert, FOSS — eine pragmatische Lösung für alle, die ein dezentrales Overlay-Netz wollen, ohne auf etablierte Anwendungen verzichten zu müssen.
Veilid ist ein neueres Projekt vom Cult of the Dead Cow — kombiniert Eigenschaften von Tor und IPFS zu einem P2P-Framework, auf dem Anwendungen aufbauen können. Scuttlebutt (SSB) ist ein Gossip-Protokoll für soziale Netzwerke, das offline funktioniert und Daten synchronisiert, sobald andere Peers in Reichweite sind. Besonders in segelnden Communities und auf abgelegenen Inseln populär. cjdns und das darauf aufbauende Hyperboria-Netz existieren noch, sind aber weniger aktiv.
FOSS. Offene Hardware.
Verschlüsselung als Grundlage, nicht Feature.
Digitale Souveränität ohne diese drei
ist nicht zu haben.
Community-Funknetze
04 / 06Eine eigene Kategorie sind echte Bürger-Funknetze, die parallel zum kommerziellen Internet eine alternative Infrastruktur aufbauen. Freifunk in Deutschland, Funkfeuer in Österreich und guifi.net in Spanien betreiben WLAN-basierte Netze mit Tausenden von Knoten, oft mit Routing-Protokollen wie OLSR oder Babel. Diese Projekte sind eher politisch-infrastrukturell motiviert und weniger auf Krisensituationen ausgerichtet, leisten aber einen wichtigen Beitrag zur Netz-Souveränität. Verwandte Firmware-Basis: LibreMesh.
Was eingestellt wurde
05 / 06Lehrstück proprietärer Hardware
Erwähnenswert sind auch die Sackgassen: goTenna und Beartooth verkauften kommerzielle Mesh-Funkgeräte, beide Firmen sind aber inzwischen aufgegeben. goTenna ging 2024 in die Insolvenz, die Geräte funktionieren nur noch eingeschränkt.
Das illustriert ein generelles Problem proprietärer Lösungen in diesem Bereich — sobald der Hersteller verschwindet, ist die Hardware oft wertlos. FOSS-Projekte sind hier strukturell im Vorteil.
Einordnung
06 / 06Briar
Für mobile, vertrauliche Kommunikation in alltäglichen Situationen wahrscheinlich die ausgereifteste Option. Bluetooth + Tor + persönlicher Kontaktaustausch.
Yggdrasil
Wer ein dezentrales IP-Netz für eigene Anwendungen aufbauen will, kommt an Yggdrasil schwer vorbei. Pragmatisch, ausgereift, IPv6-kompatibel.
LoRa (MeshCore > Meshtastic)
Für Resilienz bei vollständigem Netzausfall — Katastrophe, Zensur, ländliche Gebiete ohne Mobilfunk — sind die LoRa-Lösungen interessant. MeshCore hat das größere langfristige Potenzial.
Reticulum
Verdient die Aufmerksamkeit aller, die das Konzept „Netzwerk" konsequent neu denken wollen. Transport-agnostisch, kryptografische Identität, Forward Secrecy by default.
Welches Projekt ist sinnvoll?
Welches Projekt sinnvoll ist, hängt vom Bedrohungsmodell ab. Gemeinsam ist allen ernstzunehmenden Projekten in diesem Feld, dass sie FOSS sind, auf offene Hardware setzen und Verschlüsselung nicht als Feature, sondern als Grundlage verstehen. Das ist kein Zufall.